Stellungnahme zum EU-Pharma-Paket vom 24.07.2023

EU-Pharma-Paket: Änderung des Arzneimittelrechts Umgang mit umweltgefährdenden Arzneimitteln und Bekämpfung von Resistenzen

Mit sehr großem Interesse verfolgen wir die Berichterstattung über die Überarbeitung des EU- Arzneimittelrechts. Zwei der Reformziele sind der Kampf gegen antimikrobielle Resistenzen und die bessere Umweltverträglichkeit von Medikamenten. Diese Ziele unterstützen die Pharmacists for Future vollumfänglich.

Arzneistoffe gelangen in die Umwelt, entfalten dort Wirkungen und beeinträchtigen dadurch die Biodiversität und nicht zuletzt unsere Lebensgrundlage. Dies kann so nicht hingenommen werden und die Etablierung wirksamer Maßnahmen ist zwingend notwendig. Viele schädliche Wirkungen auf Organismen und Ökosysteme sind bereits wissenschaftlich belegt. Doch es gibt noch große Wissenslücken, die dringend geschlossen werden müssen. Unsere Aufgabe als Pharmazeut:innen ist es, mitzuhelfen, die Umweltwirkungen von Arzneimitteln weitestgehend zu minimieren und nach dem Vorsorgeprinzips zu handeln. Damit alle denkbaren Belastungen und Schäden für die menschliche Gesundheit sowie für die Umwelt im Voraus vermieden oder weitestgehend verringert werden.

Nach dem neuen Gesetzesentwurf soll ein Arzneimittel generell verschreibungspflichtig werden, wenn es sich um ein antimikrobielles Mittel oder um einen umweltschädlichen Wirkstoff handelt. Das könnte bedeuten, dass in der Zukunft gängige OTC-Arzneimittel nicht mehr ohne Rezept erhältlich sind. Die Verschreibungspflicht ist ein Weg, den Zugang zu umweltgefährdenden und antimikrobiellen Mitteln zu erschweren und so möglicherweise den Verbrauch zu senken.

Apotheker:innen haben eine umfassende fachliche Qualifikation und beweisen jeden Tag, dass sie verantwortungsvolle Beratung leisten. Dazu gehören zunehmend auch Umwelt- und weitere nachhaltige Aspekte. Deshalb schätzen wir es als bedenklich ein, wenn in der Apotheke wirksame Arzneimittel wie z.B. Fußpilzcremes nicht mehr ohne ärztliche Verordnung abgegeben werden dürfen. Bei Verschlimmerung der Beschwerden könnte eine systemische Therapie nötig werden, und dadurch die Gefahr der Resistenzbildung steigen. Das Gesundheitssystem würde außerdem unnötig belastet werden, wenn Menschen wegen geringen Beschwerden wie leichtem Fußpilz ärztlichen Rat aufsuchen müssten.

Andererseits stehen wir einigen OTC-Präparaten aufgrund der schlechten Umweltverträglichkeit kritisch gegenüber. Dazu gehören z.B. Schmerzsalben mit dem Wirkstoff Diclofenac. Der Bundesverband der Arzneimittelhersteller (BAH) geht davon aus, dass kein Übergebrauch von Schmerzmitteln im OTC-Bereich vorliegt. In den Jahren 2011 bis 2021 hat sich der Verbrauch von rezeptfreien, topischen Anwendungen von 26 auf 51 Tonnen fast verdoppelt, so eine Berechnung des Umweltbundesamtes¹. Auch Mitarbeitende der öffentlichen Apotheken beobachten schon seit langem einen Übergebrauch von topischen Analgetika. Diclofenac-Zubereitungen sind bei Schmerzen, Schwellungen und Entzündungen des Bewegungsapparates, wie bei Sport- und Unfallverletzungen zugelassen. Diese werden jedoch gerade von älteren Menschen meist ohne ärztlichen Rat mehrere Wochen bzw. Monate angewendet, bei fraglicher Indikation wie unspezifischen Rückenschmerzen. Bei dem Wirkstoff Diclofenac ist die gemessene Umweltkonzentration in Europa mit 4 μg/L in Oberflächengewässern um das 10-fache höher als die für Tiere und Pflanzen potenziell schädliche Konzentration². Ein Großteil der Diclofenac- Rückstände in der Umwelt stammt von topischen Zubereitungen, die durch das Abwaschen der Haut beim Duschen in den Wasserkreislauf gelangen. Die rezeptfreie topische Anwendung von Diclofenac in Deutschland steigt. Aufgrund des demographischen Wandels und der Zunahme des Verbrauchs von Arzneimitteln im Allgemeinen ist davon auszugehen, dass auch der Verbrauch von topischen Analgetika und der Eintrag in die Umwelt von chemischen Schmerzmitteln zunehmen werden. Den schädlichen Diclofenac-Eintrag in die Umwelt könnte man aus unserer Sicht durch einen verantwortungsbewussteren Umgang stark minimieren. Beim Verkauf von diclofenachaltigen Topika sollte es selbstverständlich sein, darüber zu informieren, dass nach dem Auftragen erst zu Hände mit einem Papier abgewischt werden, bevor man diese anschließend wäscht.

Natürlich ist nicht nur Diclofenac ein für die Umwelt problematischer Arzneistoff. Viele Wirkstoffe werden nach der oralen Aufnahme zu einem großen Prozentsatz unverändert wieder ausgeschieden und reichern sich in der Umwelt an. Wir fordern deshalb, dass mehr Informationen in den Arzneimittel-Datenbanken zum Thema Ökotoxizität bereitgestellt werden. Nur so können sowohl bei der Verschreibung von Arzneimitteln als auch bei der Beratung zu Arzneimitteln in der Apotheke ökologische Gesichtspunkte besser berücksichtigt werden.

Wir begrüßen es sehr, dass das neue EU-Arzneimittelrecht zum Ziel hat, die Umwelt besser zu schützen. Aus unserer Sicht können auch andere Maßnahmen dazu beitragen, die umweltschädlichen Folgen zu verringern, beispielsweise:

1. Eine Aufrüstung der Kläranlagen ist in unseren Augen eine weitere wichtige Strategie, um die Arzneistoff- und andere Spurenstoffeinträge in die Umwelt zu minimieren. Die Einführung einer ausreichenden Finanzierung nach dem Verursacherprinzip, z.B. in Form eines Fondmodells wie es der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) fordert, erscheint uns zielführend. Allerdings werden auch mit dem flächendeckenden Ausbau der vierten Reinigungsstufe nicht alle
Verunreinigungen zu entfernen sein. Außerdem verbraucht diese zusätzliche Stufe wertvolle Ressourcen, so dass der Verringerung der Einträge größte Aufmerksamkeit gewidmet werden muss.

2. Die Berücksichtigung der Umweltwirkungen bei der Zulassung der Arzneimittel, ein Ökopharmakovigilanz-System, sowie die Transparenz und leichte Zugänglichkeit der entsprechenden Daten im Gesundheitswesen wären eine wichtige Grundlage.

3. Einen weiteren wichtigen Hebel sehen wir in der Werbung. Die Werbung für Rx-Arzneimitteln unterliegt in Europa starken Beschränkungen. Die Einschränkung von Werbung für OTC-Arzneimittel und verwandte Produkte wäre hier ebenfalls wünschenswert, um einer werbeinduzierten Arzneimitteleinnahme entgegenzuwirken.
Nur gemeinsam können wir das Problem der Arzneimittel-Rückstände und deren Folgen lösen; mit der Politik, Industrie, allen Beteiligten des Gesundheitssystems, darunter auch die Apotheker:innen und natürlich auch mit den Patient:innen.

Pharmacists For Future

¹ https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/4031/publikationen/umid_2301_230404_clean_33_t_02a_0.pdf

² Maack, Gerd et al. Diclofenac: Kleine Wirkung für den Menschen – großer Schaden für die Umwelt. UMID – UMWELT + MENSCH INFORMATIONSDIENST, 1/23, Seite 5